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Gartenbauunterricht

Veröffentlicht in Lernen und Lehren

Wenn wir die Geschichte der Schulgärten zurückverfolgen wollen, so müssen wir uns in das antike Griechenland begeben, wo schon 550 vor Christus die Schüler der großen Philosophen (Platon, Aristoteles) in der Kunst des Garten- und Obstbaues unterwiesen wurden.

Auch in Schulen in Deutschland hatte der Gartenbauunterricht eine lange Tradition. Ob in mittelalterlichen Klosterschulen oder den Volksschulen des deutschen Reiches, stets wurde der Erziehung des heranwachsenden Menschen an der Natur großer Wert beigemessen.

Nach 1945 wurde der Gartenbauunterricht an den meisten staatlichen Schulen fallengelassen oder gar nicht erst wieder aufgenommen. Man war wohl der Meinung, in eine zunehmend „verwissenschaftlichtere" Ausrichtung des Unterrichtes passe dieses Fach nicht mehr. So ist der Gartenbauunterricht heute nicht unbedingt eine Erfindung der Waldorfpädagogik, aber doch so zeitgemäß und notwendig wie nie.

Eine intensive Beschäftigung mit der Erde und ihren Naturreichen ist für viele Kinder heute nicht mehr selbstverständlich. Stattdessen prasseln Schreckensmeldungen über Umweltschäden, Artenschwund, Klimaerwärmung usw. auf sie ein. Sich nur auf diese Weise über Natur zu „informieren", führt leicht zu Resignation und Gleichgültigkeit. Der Gartenbauunterricht bietet hier einen Ansatz, auf ganz handfeste Art sich mit Erde, Pflanzen und Tieren zu befassen und zu verbinden. Nur durch eigene praktische Tätigkeit kann später eine Urteilsfähigkeit in Bezug auf die Natur entwickelt werden.

Als Rudolf Steiner 1919 die Waldorfschule gründete, betonte er die Wichtigkeit der Entwicklung des Kindes zum ganzen Menschen und die Verantwortung der Schule zu einer Erziehung von Kopf, Herz und Hand. Dem Gartenbauunterricht kommt dabei eine besondere Aufgabe zu. Er ist in der Waldorfschule nicht nur als ein willkommener Ausgleich zur intellektuellen Arbeit zu sehen, noch soll er den Schülern lediglich gärtnerische Fähigkeiten vermitteln. Der praktische Gartenbauunterricht ist ein Instrument, um das Kind in seiner leiblichen wie auch geistig-seelischen Entwicklung zu fördern und zu unterstützen.

Im Unterricht im Schulgarten soll dem Schüler die Berührung mit und die Arbeit an der Natur in sorgfältiger und respektvoller Weise nahegebracht werden. Die Heranwachsenden sollen erfahren, dass Boden, Pflanze und Tier auf die Tätigkeit des Menschen angewiesen sind und Natur und Mensch sich gegenseitig benötigen. Zudem soll das manuelle Arbeiten und somit der Erwerb von handwerklichem Geschick sowie das Überschauen zusammenhängender Arbeitsvorgänge das Selbstbewusstsein stärken. Die Neugier auf die Ergebnisse der Arbeit und Freude und Stolz auf das Erreichte können den Unterricht im Garten zu einem Erlebnis werden lassen. Der altersgemäße Lehrplan des Gartenbaus hat also die Idee des Schulgartens und des darin stattfindenden Unterrichtes völlig neu definiert und macht ihn so zum unverzichtbaren Bestandteil der Waldorfpädagogik.

Wir haben in Itzehoe die wunderbare Gelegenheit, in diesem Sinne in unserem schönen Schulgarten arbeiten zu können. Von der fünften bis einschließlich der achten Klasse lernen und arbeiten die Schülerinnen und Schüler an eigenen Beeten oder gemeinschaftlichen Pflanzungen. Zwei Gewächshäuser, ein Gartenteich, eine Wetterhütte sowie Bienenvölker bieten unterschiedlichste Felder der Betätigung. Hier ist Unterricht im wahrsten Sinne des Wortes als Erlebnis möglich unter Einbeziehung der körperlichen, seelischen und geistigen Natur unserer Kinder.

Christian Meyer
Gartenbaulehrer