Dornröschen - der märchenhaft, reale Eurythmieabschluss

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Wir durften uns letzte Woche von der 12. Klasse mit ihrem Eurythmieabschlussstück „Dornröschen“ märchenhaft verzaubern lassen. Ich muss gestehen, ich habe mich schon gefragt, wie eine 12. Klasse auf die Idee kommt, „Dornröschen“ als Eurythmiestück zu wählen. „Die machen es sich dieses Jahr aber einfach,“ war offen und ehrlich gesagt mein Gedanke. Wenn ich an die Stücke der vergangenen Jahre dachte, sah ich darin ein „leichtes“ Stück.

Doch zum Glück wurden wir im Stück mit in die Gedankenwelt der Schüler mitgenommen und da wurde dann ein Märchen zur Realen Gegenwart, zum alltäglichen, was jeder Mensch durchmacht. Gerade ich als Mutter eines 15-jährigen Sohnes, der die angesprochene Egomanie sowas von durchlebt, empfand dieses alte Märchen durch unsere Schüler auf einmal ganz neu.

Frau Oestereich brachte uns Zuschauer auf Wunsch der Schüler vor Beginn der Aufführung erstmal auf den gleichen Stand, den die Schüler mit ihr im Märchen erarbeitet hat. Ich versuche es hier einmal wiederzugeben, damit jeder, der das Märchen kennt so auch das Geschenk der 12. Klasse noch erleben kann, dieses Märchen auch für sich neu zu verstehen.

Ursprünglich waren die Märchen nicht für Kinder gedacht. Früher erzählten sich die Erwachsenen am Abend Märchen, erst später waren sie auch für Kinder.

„Dornröschen“ beschreibt die Entwicklung der Menschheit, ist ein Schicksalsmärchen.

Vor Zeiten gab es einen König und eine Königin, wohl wahr, denn der König war ein Könnender, mit Vollmacht Gegebener und die Königin dazu die Seele. Man war damals im Zustand der Hellsichtigkeit, der Hellfühligkeit, der Natursichtigkeit, dem heutigen Gegenstandsbewusstsein völlig entgegen. Doch dieser Mensch in diesem mythologischen Zeitalter sehnt sich nach einem Bewusstseinswandel. Sein Instinkt kündigt ihm an, dass eine neue Art der Wahrnehmung kommen wird. Im Märchen ist es dass Königspaar, dass sich verzweifelt eine Tochter wünscht. Der Forsch, der die Geburt der Tochter verkündet, ist das Bild für den Instinkt und die Geburt der Tochter, die neue Art der Wahrnehmung.

Noch wussten sich alle Menschen geborgen und getragen vom Kosmos. Er konnte sich von den 12 Kräften des Tierkreises getragen und genährt fühlen. Der König hatte 12 goldene Teller. Im Märchen heißt es aber, er hatte 13 weise Frauen in seinem Reich. Wer war nun diese 13. Kraft in seinem Reich. Neben den 12 Tierkreisen kündigt sich die 13. kosmische Kraft an.

Schon bei unseren Vorfahren in der germanischen Mythologie gab es die 12 Asen und der 13.Ase war Loki, die Lokikraft- ein neues Bewusstsein will kommen. Man löste sich aus der jenseits erlebten Innenwelt und wandte sich der äußeren Sinneswelt wieder zu. Schon in der Schöpfungsgeschichte inspirierte Luzifer als gefallener Engel zur Selbständigkeit, zur Gottdienlichkeit und gab ihnen auch den Unterschied von Gut und Böse. Es erwacht also mit der 13. Kraft ein „Ich“. Aber für diese Kraft hat man kein Fassungsvermögen, kein Wissen, keine Weisheit, man hat keinen goldenen Teller für sie. So erscheint die 13. Fee erstmal als eine böse Fee, das ist sie aber nicht. Sie ist eine Vermittlerin für ein neues Bewusstsein.

Im Märchen kommt es zum Fluch der 13. Fee, dass sich die Königstochter an einer Spindel stechen soll und sie dann, dass wird noch abgewandt nicht sterben, sondern 100 Jahre schlafen soll.

Spinnen und Denken sind urverwandt.

Noch heute sagen wir: „Ich habe meinen Gedankenfaden verloren“, „Mir spinnt da was in meinen Gedanken rum“ oder auch „Die spinnt ja da oben“.

Aber denken soll Seelentod nach sich ziehen. Auch wenn der König im Märchen es verhindern möchte, indem er alle Spindeln in seinem Reich vernichten lässt, so ist ein dauerhaftes Unterbinden des Denkens unmöglich, wenn der Mensch heranreift. Aus der Kindheit schreitet der Mensch voran zur Reife, das passiert bei jedem jungen Menschen. Das Kind entwickelt sich und es kommt zur Reifung seiner Persönlichkeit.

Als die Königstochter 15 Jahre alt ist, sind König und Königin abwesend. Väterlich geistiges und mütterlich seelisches wirken nicht mehr. Die junge Persönlichkeit steht auf sich selbst. Das Haus des Leibes, in der Kindheit noch weiträumig und groß wie ein Schloss, wird nun wissbegierig erforscht. Dadurch wird es auch enger, man erkennt seine Begrenztheit, es wird zum Turm. Der Turm ist jedoch nicht nur Bild der Einengung, sondern auch der Selbständigkeit, der sich selbst und fest gegründeten Kraft. Im Turm des Leibes steigt die Königstochterhinauf, ins „Oberstübchen“.

Die Königstochter entdeckt die alte Frau mit der Spindel und greift selber zur Spindel – bewusstes Eigendenken beginnt.  Doch nun greift der Fluch der 13. Kraft, der Lokikraft, Luzifer, dem egoistischen Denkens. Jetzt geht etwas zu ende. Wach werden für die irdische, gegenständliche Welt heißt aber auch Einschlafen im gestrig, jenseitiger Welt.

Für den 15-jährigen Menschen bedeutet dies gesteigerte Egoität. „Nur was ich denke und erfasse ist Maßstab.“ „Nur was ich als Weltbild sehe, leuchtet mir ein.“ Diese Persönlichkeitsentwicklung zu sich selber machen die Jugendlichen aber auch einsamer. Im Märchen wuchert um den Turm eine undurchlässige Dornenhecke. Nichts kommt mehr zu ihnen durch. Vom „Oberstübchen“ geht die Verzauberung aus.

Doch wenn die Zeit erfüllt ist, kommt der Erwecker. Im Märchen kommt er im Zeichen der Rose. Die Rose ist der Ausdruck für die gewogene Mitte. Der erlösende Prinz im Märchen ist das Wahrbild des höheren, durchchristeten „Ichs“.

Mit dem noch heidnischen Wahrbild der Jungfrau die auf den Erwecker wartet beginnt das Märchen. Mit dem christlichen Wahrbild, des Bräutigams, der im Zeichen der Rose kommt, schließt das Märchen.

Dornröschen ist ein Schicksalsmärchen.

Und dies zeigten die Schüler auch mit aller Leidenschaft und Ausdruck auf der Bühne. Zurückkommend auf meinen 15-jährigen Sohn. Sein Kommentar zu diesem Eurythmieabschluss, es war zu kurz. Man war gerade so in dem Stück gefangen, da war es schon vorbei. Die Schüler der 12. Klasse haben es wirklich geschafft uns auf diese schicksalshafte Entwicklungsreise mitzunehmen. Es war märchenhaft schön und jetzt so real zu verstehen.

Kerstin Babarski