Waldorfpädagogik als gesundende Pädagogik

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Vortrag von Frau Dr. Barbara Treß, Hamburg, am 15. Januar 2018 im kleinen Saal

Die quirlige Ehefrau, Mutter dreier Kinder und praktizierende Ärztin aus Hamburg hat sich für ihren heutigen Vortrag vor Eltern und Pädagogen das Ziel gesetzt, die über 100 Jahre alten geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse Rudolf Steiners auf solide und hochaktuelle naturwissenschaftliche Fundamente zu stellen. Für diesen Spagat bemüht Frau Dr. Treß auf der einen Seite in Fachkreisen anerkannte Neurobiologen und Psychologen sowie Verfasser zahlreicher populärwissenschaftlicher Bücher, wie Prof. Gerald Hüther, Prof. Joachim Bauer und Prof. Manfred Spitzer, reichert deren Thesen über Vorgänge im menschlichen Gehirn mit zahlreichen Anekdoten aus ihrer Arztpraxis und aus ihrem Alltag an und bietet am Ende viele praktikable Tipps für den Alltag von Eltern und Pädagogen und deren Kinder und Schüler.

Da ist die Geschichte von dem verzweifelten Jungen, der nur mühsam verständliche Sätze formulieren kann und als Berufswunsch „Pilot“ angibt, während sein Vater, ein Sprachwissenschaftler, im Hintergrund eine herabwürdigende Miene aufsetzt. Wo ist da die Wertschätzung, die dem Jungen Selbstvertrauen und Motivation verleiht? Der Junge gewann das Interesse der Kinderärztin, die mit ihm paukte und ihm zum Abitur verhalf. Wenn Frau Dr. Treß heute ein Flugzeug hört, richtet sie ihre Augen in den Himmel und fragt sich, ob der Junge vielleicht das Flugzeug steuert. Er wurde Pilot.

Selbstvertrauen und Motivation erlangen unsere Kinder nur durch Wertschätzung und echtes Interesse an ihnen. In dem Moment, in dem wir uns mit unseren Kindern und sie sich mit uns verbinden, schütten unsere Hirne Oxytocin, ein Hormon und Neurotransmitter, aus. Dies verstärkt nicht nur die gegenseitige Zuneigung und Bindung, es fördert auch die Lernfähigkeit. Kein Wunder also, dass Lehrer und Eltern mit echtem Interesse an ihren Schülern und Kindern deren Lernfähigkeit fördern.

Eine andere Geschichte handelt von einer älteren Frau und drei Halbstarken, die sich nachts eine Vierersitzgruppe in der nahezu lehren S-Bahn Richtung Hamburg-Altona teilen. Während einer der Halbstarken mit einem Messer hantiert, fragt er die Dame: „Und ... hast Du keine Angst?“. „Wie sollte ich Angst haben. Ihr seid doch bei mir.“ Die Dame blieb ruhig sitzen und fuhr bis zur Endstation. Ein wunderbares Beispiel für die Funktion der Spiegelneuronen, die dafür sorgen, dass wir unsere Gefühle auf unser Gegenüber übertragen. Welche Gefühle übertragen wir unbewusst auf unsere Kinder? Können wir auch Halbstarke zu Beschützern machen, oder verstärken wir mit unserer Angst und Abneigung nur ihre Angst und Abneigung uns gegenüber?

Unser Gegenüber und erst recht unsere Kinder ahmen uns nach. Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder etwas tun oder unterlassen, dann müssen wir nur auf uns achten. Du sollst nicht lügen - also dürfen wir nicht lügen. Du sollst nicht erpressen - also dürfen wir auch unsere Kinder nicht erpressen. Aber was ist dann mit unserem Handel: „Wenn Du den Vokabeltest gut bestehst, dann gehen wir gemeinsam shoppen.“ Erpressung? Ja klar.

Erfolge treiben uns zu Höchstleistungen. Sind wir erfolgreich, schüttet unser Hirn das „Glückshormon“ Dopamin aus - ebenfalls ein Neurotransmitter. Neurotransmitter wie Dopamin und Oxytocin wirken wie Dünger für unser Gehirn und fördern die Bildung von Synapsen in den Arealen, die gerade aktiv sind. Ist der Mathe-Lehrer mir zugewandt und schätzt er meine Leistungen, so werde ich gar nicht verhindern können, selbst die komplexesten Formeln zu lieben.

Wir sehen also, dass die Natur jedem Menschen das Potential zum Erreichen der wesentlichen Bildungsziele, nämlich die Entwicklung von Selbstvertrauen und Motivation und das Erlangen fachlichen Basiswissens und sozialer und emotionaler Kompetenz, in die Wiege legt und es „nur“ einer gesunden Beziehung zwischen Eltern, Lehrern und Kindern bedarf, um diese natürlichen Anlagen zu nutzen.

Jürgen Beckmerhagen