Das Wichtigste im Leben

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Der Mann hat eine Botschaft, und über die spricht er nicht das erste Mal vor einem Publikum. Valentin Wember ist geradezu besessen von dem Gedanken an eine Menschheit, die einzig von der Natur sozialisiert ist und ihrem egozentrischen Gehabe eine Absage erteilt. Eine Natur, in der sich jeder nur das nimmt, was er zur Erfüllung seiner ihm zugedachten Aufgabe zum Wohle der Gemeinschaft benötigt. Eine Natur mit transparenten Organismen, in denen jeder über die Rolle der anderen Organe und deren Zustand informiert ist und in denen alle Teilnehmer Regeln befolgen.

Der kleine Saal ist am Freitag Abend gut besucht. In das Publikum aus Eltern, Lehrern und ehemaligen Schülern mischen sich viele „neue“ Gesichter. Wember ist offensichtlich dafür bekannt, dass er sein Publikum mit einfachen und doch revolutionären Gedanken immer wieder  berühren kann. Einige von ihnen faszinieren an diesem Abend seine Visionen so sehr, dass sie sich kurzerhand am nächsten Morgen seinem ganztägigen Seminar im Lehrerzimmer anschließen.

„Wie bereiten wir Kinder auf das Wichtigste im Leben vor und wie auf das Allerwichtigste?“ ist Wembers Leitfrage am Freitag Abend. Das Samstagsseminar steht unter der Überschrift „Wille zur Verantwortung“.

Beide Veranstaltungen verbindet der gleiche Grundgedanke: Wir haben offensichtlich ein kulturelles Problem, indem jeder zuerst an sich denkt und nach Vermehrung seines materiellen Wohlstands und seines persönlichen Einfluss- bzw. Machtbereichs strebt. „Wenn jeder nur an sich denkt, ist am Ende auch an jeden gedacht.“ Daraus erwachsen unzählige strukturelle Probleme, die auch vor einer selbstverwalteten Waldorf-Organisation nicht haltmachen, sofern sich Pädagogen und Eltern ihrer nicht bewusst sind und den Willen zur Verantwortung für eine drastische Änderung entwickeln.

Dr. Valentin WemberDr. Valentin WemberVon den strukturellen Problemen beleuchtet Valentin Wember kurz das globale Schulsystem und schließt sich dem glühenden Plädoyer des britischen Bildungsexperten Sir Ken Robinson an, der 2006 gleich zu Beginn seines berühmten TED-Talks „Ersticken Schulen die Kreativität“ feststellt, „dass wir den Menschen ihre kreativen Fähigkeiten weg-unterrichten“.

Unser Bildungssystem konzentriert sich zu sehr auf Kopfarbeit, erstickt die Kreativität und entzieht fast unbemerkt dem übrigen Körper zu viel Energie und Wärme. Auf medizinischer Ebene führt dies mittel- und langfristig u. a. zu zahlreichen Zivilisationskrankheiten.

Sinnvoller ist ein Lehrplan, der sich zu jeweils zu einem Drittel aus kognitiven Fächern (Haupt-Fächer - „Haupt“ wie „Kopf“), aus künstlerischen Fächern und aus Fächern mit körperlicher Arbeit zusammensetzt.

Diese Strukturen müssen mit Leben gefüllt werden. Unsere Kinder benötigen Vorbilder, an denen sie Tag für Tag beobachten können, wie sie sich selber erziehen - Erwachsene, die selber noch reifen und keine Couch-Potatoes („Sofakartoffeln“), deren Wachstum aus den unterschiedlichsten Gründen zum Erliegen gekommen ist. Wember fasst diese Forderung unter dem „Ersten Pädagogischen Hauptgesetz“ zusammen.

Im Samstagsseminar werden die Probleme und Lösungsansätze vertieft und diskutiert. Wember treibt dabei die Hoffnung, dass eines Tages ein Funke auf Menschen überspringt, die daraufhin den Willen entwickeln, die Verantwortung für unsere Kinder und für unsere Gemeinschaft im Sinne eines natürlichen Miteinanders zu übernehmen.

Am Ende wünschen sich alle Teilnehmer eine Fortführung des Dialogs. Valentin Wember macht zahlreiche Vorschläge. Bis dahin kann jeder seine Gedanken u. a. mit Hilfe eines seiner zahlreichen Bücher vertiefen.

Jürgen Beckmerhagen