Schule in Freiheit

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Zum Vortrag von Henning Kullak-Ublick

Wie entwickeln sich Menschen vom „Wir“ zum „Ich“? An dieser Leitfrage orientierte sich Henning Kullak-Ublick am Montag, dem 25. September, im kleinen Saal unserer Schule in seinem Vortrag mit dem Titel „Schule in Freiheit“.

Zu Beginn seines Vortrags entführte uns das Vorstandsmitglied im Bund der Freien Waldorfschulen in das Preußen des frühen 18. Jahrhunderts, wo König Friedrich Wilhelm I. offensichtlich zur Nachwuchssicherung seines stehenden Heeres die Schulpflicht und mit ihr die Volksschulen einführte. Die ersten Lehrer waren überwiegend versehrte Soldaten ohne pädagogische Ausbildung.

Mit diesem Schulsystem geht bis heute das sechsstufige Notensystem einher, das sich an einem Idealbild des Menschen orientiert: überdurchschnittliche Leistungen werden mit Einsen und Zweien benotet, unterdurchschnittliche mit Fünfen und Sechsen. Heutzutage unterliegt die Benotung zudem der Gaußschen Normalverteilung - will sagen: die Benotung von Arbeiten ist nur dann gültig, wenn der überwiegende Teil der Schüler mittelmäßige und nur ein kleiner Teil über- und unterdurchschnittliche Noten erhält. Mit kuriosen Beispielen für die Folgen dieses Systems für Lehrer und Schüler rundete Kullak-Ublick dieses Thema ab.

Henning Kullak-UblickHenning Kullak-UblickDann schaute er auf die modernen Menschenbilder. Einmal vergleichen wir uns mit Maschinen und halten uns für sehr bald durch Computer mit neuronalen Rechnern ersetzbar. Dann betrachten wir uns als genetisch vorbestimmte Wesen. Ein anderes Mal sehen wir uns als hochentwickeltes Tier mit animalischen Trieben, die es abzuerziehen gilt.

Während jedes dieser Menschenbilder in sich stimmig erscheint, sind sie es zusammen genommen nicht. Der Mensch ist mehr als nur ein Rechner, der vordefinierte Funktionen und Prozesse ausführt. Wir sind mehr als eine Ansammlung von Zellen mit Genomen unserer Vorfahren. Und wir sind nicht bloß ein Tier, das sich nur durch sein spezielles Bewusstsein von anderen Wesen unterscheidet. Der Mensch wird zum Menschen durch Beziehungen zur Welt. Der Mensch erkennt sich in der Seele der Anderen.

Diese These veranschaulichte Kullak-Ublick mit vielen lebhaften Beispielen und mit einem einfachen Tafelbild. In dessen Mittelpunkt tritt der Mensch mit der Welt in Resonanz, verwandelt sich durch sie und mit ihr und richtet sich an ihr auf. Vom ersten Tag an beobachten wir unser Umfeld und ahmen es nach. Dabei erlangen Phänomene Bedeutung und prägen sich uns in Form von Begriffen ein, mit denen wir der Welt aus eigener Anschauung antworten.

Dieser lebenslange, respektvolle Dialog zwischen Welt und Mensch wird täglich in unserer Schule und in unserem Kindergarten gepflegt. Durch ihn entwickeln sich Kinder, Schüler, Erzieher und Pädagogen gleichsam frei.

Am Ende des erfrischenden Vortrags erkundigte sich ein Zuhörer nach Kullak-Ublicks Haltung zu Medien in der Schule. Während der erfahrene Waldorflehrer eine recht liberale Haltung zu modernen Medien vertritt, verwies er auf die Waldorfschule im kalifornischen Silicon-Valley, die mehrheitlich von Kindern führender Mitarbeiter renommierter IT-Unternehmen besucht wird. Dort wünschen sich eben jene Eltern, die rund um das Smartphone und Tablet ihr Geld verdienen, für ihre Kinder die Abstinenz von derartigen Gadgets, damit sie später einmal frei genug und kreativ denken und ähnliche Aufgaben wie sie übernehmen können.

Erlauben Sie mir zum letzten Punkt noch einen eigenen Gedanken: Ich sage nicht, dass wir durch die modernen Medien nicht in Resonanz zur Welt und zu anderen Menschen gehen können. Ich frage mich nur, welche Qualität diese Resonanz noch haben kann, bei der wir mit den Phänomenen dieser Welt durch Wischen über eine stets gleichförmige widerstandslose, rechteckige Fläche kommunizieren.

Jürgen Beckmerhagen