Einblick in die Physikepoche

Veröffentlicht in Aktuelles

der 8. Klasse

Nach Jahren der „Abstinenz“ war es mir einmal wieder vergönnt, am Unterricht einer Großklasse teilzunehmen. Meine Frau hatte gerade mit ihrer Klasse eine Physikepoche und wollte mit ihren Schützlingen als Abschluss einen Elektromotor bauen. Zu diesem Zweck hatte  sie für jeden Schüler einen Bausatz bestellt. An einem trüben Sonntagnachmittag probierten wir erst einmal gemeinsam zu Hause einen zusammen zu bauen und merkten dabei, dass dies eine ziemlich knifflige Angelegenheit ist und viel Fingerspitzengefühl und systematisches Vorgehen notwendig sind. Eine lange Gebrauchsanweisung lag bei. Wie würden sich aber  nun die 31 Heranwachsenden dabei anstellen? Was wird wohl werden, wenn alle auf einmal loslegen wollen? Auf eine leise Andeutung meiner Frau machte ich ihr den Vorschlag, beim Zusammenbau „aus reiner Neugierde“ dabei sein zu wollen und ihr dadurch  eine Hand mehr zur Verfügung zu stellen. „Bewaffnet“ mit Werkzeug und Fotoapparat kam ich also mit in die Schule und war zunächst überrascht von den Herangewachsenen, die ich längere Zeit nicht mehr gesehen hatte. Die meisten trauten sich sogar, mich per Handschlag zu begrüßen, andere waren noch ein bisschen unsicher. Von den Erzählungen meiner Frau  kannte ich natürlich jeden Einzelnen. Jetzt aber hatte ich sie lebendig vor mir, und ich war überrascht, welche Entwicklung alle inzwischen gemacht hatten, nicht nur körperlich, sondern vor allem auch an seelischer Reife. Das zeigte sich gleich beim Morgenspruch, den Sprachübungen und schließlich den ersten Zeugnissprüchen.

Und nun ging’s los. Eine kurze Einweisung zum Vorgehen, und dann bekamen zunächst immer zwei Schüler zusammen eine Rolle mit feinem ummanteltem Kupferdraht, der in zwei Hälften geteilt werden sollte – und das im engen Physikraum. Schnell merkten das die meisten, und plötzlich war fast die ganze Klasse draußen im Flur und Schulhaus unterwegs und teilte. Das erwartete Chaos begann. Nach einer Weile erschienen die Ersten wieder mit ihrem geteilten Draht. Und was jetzt? Zwischendrin kamen weitere, bei denen irgendwas schiefgelaufen war. Ungewollte Verwicklungen hatten sich im Arbeitseifer ergeben und mussten nun entwirrt werden. Gut, dass wir zu zweit waren. Die ersten Schweißtropfen bildeten sich. Aber die oberste Devise des Lehrers lautet ja: „Ruhe bewahren“. Noch war ja nichts verloren. „Was soll ich jetzt mit dem Draht machen, Frau Müller?“

Der nächste wichtige Arbeitsschritt, von dem alles abhing, war die Wicklung der Spule. Dazu musste die eine Hälfte des Drahtes (lt. Gebrauchsanweisung) ganz fein auf die „Brücke“ gewickelt werden, und zwar gleichmäßig. Wie unterschiedlich „gleichmäßig“ aufgefasst werden konnte, war sogleich temperamentsabhängig zu erfassen. Gut, dass wir zu zweit waren! Manche Wicklung musste wiederholt werden, damit nicht schon die Ursache für ein späteres Versagen gelegt wurde. Die Ersten waren damit bald schon fertig und wollten weiter. Einige machten sich an die Gebrauchsanweisung, mit deren Hilfe man ja auch weiter kommen sollte. Andere vertrauten sich den Erwachsenen an, die ihnen mehr Sicherheit boten. Leider nahte das Stundenende, alles musste aufgeräumt werden. Welche Schraube gehört zu wem? Was ist mit dem zweiten Draht. (Er sollte längst zusammengerollt für morgen sein!) Wo ist das Werkzeug hin verschwunden? Viele Fragen mussten noch geklärt werden, um ein geordnetes Verabschieden zu ermöglichen. Also dann bis morgen.

Für mich stand fest: Nach so einem spannenden Unterrichtserlebnis kannst Du den Fortgang nicht versäumen. Also bot ich meiner Frau eine Fortsetzung an und merkte gleich ein leises Aufatmen. Zuhause besprachen wir das weitere taktische Vorgehen und tauschten unsere Beobachtungen und Erlebnisse aus, die uns manches Schmunzeln und viel anerkennendes Erstaunen über diese „pubertäre Gesellschaft“ ermöglichte. Alle waren völlig bei der Arbeit gewesen. Manche entpuppten sich als geschickte Feinmechaniker, denen gleich klar war, wie der Zusammenbau sein musste. Andere studierten gewissenhaft die Anleitung, fragten sicherheitshalber noch einmal nach oder baten den flinkeren Nachbarn um eine Sozialleistung. Es war überhaupt nicht laut, aber der ganze Raum war von einer dichten Arbeitsatmosphäre erfüllt. Was will man mehr?

Am nächsten Tag juckte es mich als ehemaligem Klassenlehrer doch, und ich bat darum, den rhythmischen Teil übernehmen zu dürfen. Die Sprüche, mit denen ich ankam, kannten sie fast alle. Aber alle taten so, als ob sie zum ersten Mal damit konfrontiert wurden. Eifrig und freudig machten sie mit – und das in einer 8. Klasse! Und dann ging’s wieder an die praktische Arbeit. Der zweite Draht! Wo ist er denn? Bald hatten alle ihre Arbeitsgrundlage gefunden. Jetzt musste das zweite Bauteil damit umwickelt werden, und zwar gleichmäßig! Diesmal ging es schon selbständiger. Während so mancher Gebrauchsanweisungsleser noch etwas zögerte, waren die Experten mit ihrer Wicklung schon fertig und begannen, die Einzelteile mit winzigen Schräubchen zusammen zu bauen. Die Enden des Drahtes mussten jetzt abisoliert und mit den Kontakten verbunden werden. Wer nicht genug dabei aufpasste, lief Gefahr, dass sich die gesamte Wicklung löste und erneuert werden musste. Welch eine Verzögerung, ich will doch den Motor zum Laufen bringen! Also weiter. Wir hatten einige Lötkolben bereit gestellt, mit deren Hilfe eine sichere Verbindung möglich war. Hilferufe aus der Nachbarschaft: Kann mir einer mal bitte helfen… Es bildeten sich bunte Teams von Spezialisten, die mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten versuchten, zum Erfolg zu verhelfen. Leider nahte schon wieder das Stundenende. Plötzlich aber erklang ein leises, aber deutlich vernehmbares Surren: Der erste Motor lief! Also, dann bis morgen!

Heute sollte es nun jedem möglich sein, sein Motörchen mit Hilfe einer Batterie in Gang zu setzen. Manche Wicklung musste wiederholt, einige Abisolierungen vervollkommnet und vor allem die Kontakte überprüft werden. Ein Tropfen flüssiges Lötzinn wirkte oft Wunder. Dafür waren natürlich die Spezialisten, die es ja in jeder Klasse gibt, zuständig. Ihnen galt die ganze Hoffnung und Hochachtung. Jeder wollte jetzt vor dem nahenden Stundenende noch erfolgreich fertig werden. Warum läuft mein Motor nicht? Leise Verzweiflung drohte sich bei einigen breit zu machen. Aber wir hatten ja unsere Experten! Mit sicherem Blick wurden die Schwachstellen entdeckt und gemeinsam beseitigt, bis auch der letzte Motor lief. Welch ein Glücksmoment, welch ein Erfolg, was sich in strahlenden Augen widerspiegelte.

Für mich war dieses grandiose Erlebnis wieder einmal ein Beweis für lebendigen Unterricht, wie er an der Waldorfschule gemacht wird. Nicht nur das Ergebnis steht im Vordergrund, sondern das Erleben auf dem Wege dorthin. Das Prinzip „vom Tun zum Begreifen“ zeigte hier wieder einmal seine großartige Wirkung. (Das verstehende Begreifen kam am folgenden Tag, an dem die Zusammenhänge gedanklich durchdrungen werden mussten, um zu verstehen, warum solch ein Apparat tatsächlich läuft.) Gerade die 8.-Klässler, denen man nachsagt  „wegen Umbaus geschlossen“, zeigten sich von ihrer engagiertesten Seite und waren enorm sozial (hilfsbereit). Mit einer solchen Anzahl von Einzelindividuen ein solches Experiment durchzuführen, bedarf sicher einer guten Vorplanung, aber auch der inneren Gewissheit: Alles wird gut, das schaffen wir schon! Experiment gelungen, zur Nachahmung sehr zu empfehlen.

Ich danke jedenfalls, bei diesem schönen Erlebnis dabei gewesen sein zu dürfen. Nach dem Mittagessen fiel ich jedoch in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Im Traum hörte ich noch das leise Surren von vielen kleinen Elektromotörchen.

Michael Müller